Das Haus


Es war eine jener Januarnächte, an denen der Schlaf auf sich warten ließ. Beharrlich trommelte der Regen gegen das Fenster, wütend, dass man ihm keinen Einlass gewährte. Längst war es an der Zeit, dass er sich in Schnee wandelte, aber diesen Winter war noch keine einzige Flocke gefallen.
Der Regen schlug auf den schmalen Fenstersimsen auf, stürzte sich von dort in die Tiefe und bildete riesenhaft anmutende Pfützen im Innenhof.
Ich lag mit offenen Augen im Bett und starrte in die beinahe vollkommene Dunkelheit. Die alte Balkendecke über mir ächzte gequält, als jemand sich im Zimmer über mir bewegte. Zwei Schritte in die eine Richtung, dann zwei in die andere. Dann nichts mehr. Nur noch das Prasseln des Regens. Bald darauf drang ein Schnarchen zu mir hinab, das mich glauben ließ, die Decke über mir sei aus Pappe und nicht aus Holz und Mörtel.
Obwohl ich mich mittlerweile daran gewöhnt haben sollte, störte es mich. Seit Jahren wohnte ich in diesem alten Haus, in dem man nichts geheim halten konnte. Die Wände hatten Augen und Ohren und behielten nichts für sich. Ständig flüsterten sie miteinander. Sie schwiegen niemals.
In dieser Nacht wollte ich aufstehen, nach oben gehen und den Mann über mir aus dem Schlaf klingeln. Ich stellte mir vor, wie er ungehalten die Stirn runzelnd zur Tür ging, die Kette vorlegte und misstrauisch durch einen schmalen Spalt hinaus auf den Flur blickte. Nicht, dass die Kette ihm etwas bringen würde. Alles in diesem Haus war so alt und schwach, dass es reichen würde, sich kräftig gegen die Tür zu werfen, um die Kette aus ihrer Halterung zu reißen. Genau das malte ich mir in diesem Moment aus. Ich würde einfach in seinen Flur fallen, seinen erschreckten Schrei genießend. Niemand hier würde ihm zu Hilfe kommen. Spätestens am nächsten Morgen würde jeder wissen, was geschehen war, aber jeder würde so tun, als wüsste er es nicht. So war das hier.
In meiner Fantasie verwandelten meine Finger sich in messerscharfe Krallen und meine Zähne in ein Raubtiergebiss.
Befriedigt über diese Vorstellung zog ich die Bettdecke ein Stück höher, so dass kein kalter Luftzug mehr darunter kriechen konnte. Mit einem leisen Seufzen strich ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und spürte direkt darauf einen brennenden Schmerz auf der Stirn. Verwundert sah ich auf meine Fingernägel...
Dieses Haus wusste alles.

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