Mittwochmorgen


Voll gepumpt mit Kaffee und Energy-Drinks.
Ich weiß nicht, wie lange ich nicht mehr geschlafen habe. Vierundzwanzig Stunden? Sechsunddreißig? Ich kann es nicht sagen. Stunden, Minuten, Sekunden verschmelzen. Es gibt keine Unterscheidung mehr.
Fahl dringt das blasse Morgenlicht durch die Dachfenster. Schon lange sind sie mit Moos und Grünspan bedeckt. Der grüne Schimmer lässt die an Krankheit erinnernde Wandfarbe noch mehr wie Erbrochenes erscheinen und die dunklen Tische und Stühle wirken noch erdrückender.
Meine Augen drohen zuzufallen. Rasch greife ich nach meiner Tasche, um Schreibutensilien und die rettende Thermoskanne hervorzuholen. Jetzt gerade erscheint nichts erstrebenswerter als mein Bett und viele Stunden Schlaf. Aber selbst in diesem Zustand ist mir klar, dass mir der rettende Schlaf verwehrt bleiben wird, sobald ich meinen Kopf auf das Kissen lege.
Die schwere Tür wird aufgezogen und weitere Personen treten ein. Mädchen, denen man schon aus Metern Entfernung ansieht, dass sie trotz der frühen Stunde bereits Ewigkeiten vor dem Spiegel verbracht haben, um Augenbrauen, Wimpern und Lippen ins rechte Licht zu rücken. Hell klacken ihre dünnen Absätze auf dem grauen Boden. Einige Momente lang kann ich mich damit beschäftigen, ihnen mit Blicken zu folgen, wie sie, gehüllt in Pastell, zu ihren Plätzen stöckeln und ihre teuren Markentäschchen auf die zerkratzten Tische werfen.
Ich gehöre hier nicht hin. Was mache ich hier? An Tagenden wie diesen zweifle ich an vielen meiner Entscheidungen. Ich sehe mich um und blicke in lauter fremde Gesichter. Gesichter, die nichts in mir auslösen.
Mit unsicheren Bewegungen öffne ich meine Flasche, um mir Kaffee einzuschenken. Meine Hände zittern und beinahe geht etwas daneben. Aber nur beinahe. Noch habe ich meinen Körper unter Kontrolle. Auch wenn sie mir mehr und mehr entgleitet.
Erneut wird die Tür geöffnet und die Dozentin tritt ein. Passend zu ihren hellblonden Haaren und ihrer Figur zum Trotz gehüllt in Weiß und Pink. Diese Farbkombination gepaart mit der Umgebung tragen nicht dazu bei, meine Aufmerksamkeit vorne an der Tafel zu halten.
Wieder schweifen meine Gedanken ab. Meine Augen brennen und mein Kopf pocht. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich einmal so sehr nach Schlaf sehen würde. Süßer schwerer Schlaf voller Schwärze und ohne jegliche Träume.
Wieso nur hat mich diese Nachricht so sehr aus der Bahn geworfen? Zurück geschleudert in die Vergangenheit. In eine Zeit, von der ich dachte, ich hätte sie für immer hinter mir gelassen. Abgeschlossen mit einem unübersehbaren Strich. Gezogen mit schwarzem Edding.
Dann kam der Anruf. Mitten aus dem Nichts. Ich wusste die ganze Zeit, dass ich etwas übersehen hatte. Die Handynummer. Ich habe sie nie ändern lassen. Und jetzt sorgt diese kleine Unachtsamkeit dafür, dass ich seit Tagen keinen Schlaf mehr finde und mich tagsüber künstlich am Leben erhalte.
Nachts liege ich wach im Bett und wälze mich von einer Seite auf die andere. Bilder von früher wirbeln durcheinander. Ereignisse, von denen ich immer sicher war, ihren Ablauf genau zu kennen, verlieren ihre Sicherheit.
Ich blicke wieder nach vorne und erkenne doch nichts. Die Zahlen an der Tafel sagen mir nichts. Ich bin nicht geschaffen für Zahlen. War ich noch nie.
Ich beginne Minuten zu zählen. Minuten, die es noch dauert, bis ich den Raum verlassen kann. Ich streiche sie ab auf meinem Schreibblock, der versehen ist mit Zeichnungen, die mir noch weniger sagen als die Zahlen an der Tafel.
Endlich habe ich es geschafft.
Meine Hände zittern wie Espenlaub und als ich aufstehe, sacken mir im ersten Moment die Knie weg. Dieses Mal kann ich die misstrauischen Blicke, die mich treffen, sogar verstehen.
Ich habe es nicht eilig, das Gebäude zu verlassen. Ich warte, bis alle verschwunden sind, erst dann wage ich mich hinaus.
Und dann bist du da. Stehst im gleißenden Licht der aufgehenden Sonne und siehst mich an. Ich gerate ins Stolpern. Meine Beine versagen ihren Dienst.
Wieso bist du hier?
Die Vergangenheit hat mich eingeholt.

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