Montag, 27. April 2015

Die brennende Stadt

Diese Kurzgeschichte entstand 2009 oder 2010 im Rahmen eines Schulprojektes im Zusammenhang mit Ludwig Meidners Gemälde "Die Brennende Stadt" (1913).

Ludwig Meidner - Die brennende Stadt (1913.) (Link)


























Wie flüssiges Gold ergoss sich der Sonnenschein über den Platz. Eine unerträgliche Hitze, die Mensch und Tier in eine Lähmung hatte verfallen lassen. Nur ihre Herzen schlugen weiter. Unbarmherzig.
Dicht gedrängt saßen sie nebeneinander. Schweigend. Fühlten den flachen Atem ihrer direkten Nachbarn. In den Augen der Anderen sahen sie sich selbst, wie in einem Spiegel. Ihre Angst und ihre unüberwindbare Hilflosigkeit. Wer sollte ihnen helfen? Den Bewohnern eines Landes, das so klein und unbedeutend war, dass kaum einer es kannte?

Irgendwo blökte eine Schaf. Alleine. Wo war sein Hirte? Vielleicht lag er neben ihm im trockenen Gras. Mit weit aufgerissenen Augen, den Mund voller Sand.
Das Wasser war knapp geworden in den vergangenen Monaten. Viele der Jüngeren konnten sich schon nicht mehr an den letzten regen erinnern. Ungeduldig saßen sie zwischen ihren Eltern, Nachbarn und Fremden. Wunderten sich über die erstarrten Gesichter. Wunderten sich über die Angst in ihnen. Sie wollte nicht länger hier sitzen. Ihre Mägen knurrten und die Zungen klebten trocken am Gaumen.
Aus der Ferne drangen Schüsse wie Kanonendonner. Nur die Blitze und der Regen, der das Leid hinfort spülte, blieben aus. Die Nacht brach herein. Mit ungelenkten Bewegungen erhoben sich einige Frauen, um die Feuerstelle in der Mitte des Platzes zu entzünden. Dabei gab es nichts mehr, was sie darauf hätten kochen können.

Mit der Finsternis brach Geschäftigkeit aus. Leben kam in die sterbende Stadt. Aber es war nicht echt. Soldaten auf offenen Lastwagen umrundeten den Platz. Johlend schossen sie in die Luft. Dann ein Schrei. Gänsehaut und noch mehr Furcht. Ein weiteres Opfer. Die Anspannung stieg weiter an. Die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Jeder wusste, dass es etwas geschehen würde. Aber niemand wusste, wann. Oder wie. Aber dass es geschehen würde, stand außer Frage. Schon vor Wochen war die Situation heikel gewesen. Jede noch so kleine Neuigkeit war furchtsam in Empfang genommen und gründlich analysiert worden. Dann hatte ein kleiner Funke gereicht, um das ganze Fass in Flammen zu setzen. Und sie saßen mitten drin. Kein Entkommen. Nur der Tod würde sie erlösen. Und doch kämpfte jeder dagegen an. Obschon die Kräfte mit jedem weiteren Tag mehr schwanden.

Erneute Schüsse. Dieses Mal näher. Noch mehr Soldaten. Der Platz war von ihnen umzingelt. Geschlossen kamen sie immer näher. Menschen sprangen auf. Panik drang aus jeder Ecke. Kroch über den Boden, gierig auf der Suche nach neuen Opfern. Kalt kroch sie die Beine der Menschen hinauf, bis sie ihre Herzen erreicht hatte. Dort nistete sie sich ein, entschlossen dieses neue Heim nie mehr zu verlassen.
Dicht an dicht standen sie. Der Geruch von Angst und Verwesung lag in der Luft. Ohrenbetäubende Angstschreie gellten über den Platz. Kein Stern war in dieser Nacht am Himmel zu sehen. Einzelne versuchten auszubrechen. Wie Schlangen wanden sie sich durch die Menge, am Ende aufgehalten von einer unnachgiebigen Wand. Dunkel färbte ihre Verzweiflung den Boden. Getrieben wie eine Viehherde. Niemand wusste, wohin. Weiter durch die Stadt. Nicht stehen bleiben. Ein Kind weinte. Mütter schrien die Namen ihrer Kinder. Schüsse. Die Schreie verstummten. Feinde waren zu Freunden geworden, Nachbarn zu Mördern. Die Welt hatte sich gedreht, stand Kopf. Ihnen war schwindelig. Nicht war mehr dort, wo es mal war.

Alle in einen Raum. Kopflose Angst. Das Atmen wurde schwer. Junge Männer wollten sich widersetzen. Furcht macht mutig. Leichtsinnig. Still. Sie verloren. Nicht einmal mehr schreien konnten sie. Wehmütige Klagelieder füllten die Luft. Noch mehr Weinen. Dann. Ein ohrenbetäubender Knall. Kreischen, das bis ins Mark ging. Steine flogen. Ein warmer Wind wärmte die Gesichter der Menschen. Ein letztes Mal noch. Hyterisches Lachen, immer wieder gequältes Heulen.

Als der Staub sich legte, war ein weiteres Gebäude zerstört. Zufrieden mit ihrem Tagewerk setzten die Männer sich zusammen. Tranken, spielten Karten. Es gab noch viel zu tun in den nächsten Tagen.

 Goldener Sonnenschein. Hitze. Kein flacher Atem. Das letzte Weinen war verstummt.

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