Regentänzer


Ruhig griff Raven nach seiner Geige und stimmte sie, als würden die vielen Menschen um ihn herum gar nicht existieren. Erst als er zufrieden schien, zog er den Bogen mit einem kräftigen Strich über die Saiten.

Ein schriller Ton ertönte, prallte gegen die gefliesten Wände der U-Bahn-Station und kehrte um ein Vielfaches verstärkt zurück.
Nur im letzten Moment konnte Vincent den Reflex unterdrücken, sich beide Hände auf die Ohren zu pressen. Den meisten anderen Menschen schien es ebenso zu gehen, denn wütend starrten sie Raven an. Einige tippten sich auch an die Stirn oder riefen wüste Beschimpfungen. Raven aber ließ sich davon nicht beeindrucken. Stattdessen grinste er zufrieden, gerade so, als sei ihm ein besonders guter Streich gelungen, und verbeugte sich vor seinem unfreiwilligen Publikum.
Als er sich wieder aufrichtete, schien sich seine gesamte Erscheinung zu verändern. Er wirkte größer, seine Haltung aufrechter und kaum einer konnte sich noch der Faszination entziehen, die von dem ganz in Schwarz gekleideten Jungen ausging. Erneut strich Raven mit dem Bogen über die Saiten. Der Ton, der jetzt erklang, war tief und angenehm und kein Vergleich zu dem schrillen Lärm zuvor. Sanft vibrierend füllte er die ganze Station aus. Raven ließ seinen Mitmenschen keine Zeit, sich an diese Veränderung zu gewöhnen. Schwungvoll warf er seinen Mantel nach hinten und begann zu spielen. Das Stück begann langsam, steigerte sich aber nach und nach in ein nahezu rasendes Tempo hinein. Mehr und mehr Menschen bildeten einen Halbkreis um den Geigenspieler, während sein Bogen nur so über die Saiten flog.
Vincent war wie gebannt. Er konnte seinen Blick nicht von Raven abwenden. Er und sein Instrument schienen eine Einheit zu bilden, die völlig losgelöst von ihrer Umgebung existierte.
Mit einem Mal war Stille. Ohne Vorwarnung hatte Raven sein Spiel beendet. Zögerlich begannen einige zu klatschen und die ein oder andere Münze landete im Geigenkoffe zu seinen Füßen. Raven aber schenkte weder dem Geld noch seinem Publikum Aufmerksamkeit. Stattdessen drehte er sich schwungvoll herum und eilte, mit wehendem Mantel und die Geige in der Hand, die Treppen hinauf, ehe er in der Menschenmenge verschwand.


(Ein kurzer Ausschnitt aus meinem aktuellen Projekt "Regentänzer")

Kommentare

  1. Sehr sehr schön geschrieben, meine Liebe! <3
    Bin schon auf die Fortsetzung gespannt!

    Liebste Grüße von Helena <3
    http://letsmakeanewtomorrow.blogspot.de

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  2. schöner Blog, hast jetzt nen neuen Follower :)

    Vielleich kannst du ja auch mal bei mir vorbei schauen: http://sailarace.blogspot.com
    Liebe Grüße, Kathrin

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