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Rohfassung eines Prologs


Kalte Luft füllte ihre Lungen, als sie durch die schmale Luke an Deck trat. Viel zu kalt für Ende August. Als hätte der Herbst den Sommer bereits verjagt. Stürmische Böen jagten dunkle Wolken über den Himmel und zerzausten ihr Haar. Fest umklammerte sie die Reling und blickte zum Festland, das nur langsam kleiner wurde. Viele Menschen standen trotz des Wetters dort und winkten. Kleine Kinder an den Händen ihrer Eltern und Rentner, die allen Temperaturen trotzten und jeden Tag wieder an den Hafen kamen.
Sie konnte niemanden erkennen und doch sah sie überall sein Gesicht. Seine schelmisch funkelnden Augen, bei denen sie sich nie hatte entscheiden können, ob sie mehr grün oder mehr grau waren. Jedes Mal, wenn sie meinte, aus den Augenwinkeln eine schwarze, hoch gewachsene Gestalt zu sehen, wandte sie schnell den Kopf. War er doch gekommen? Aber jedes Mal wieder wurde sie enttäuscht. Weshalb sollte er hier sein? Er kannte den Tag nicht, an dem sie dieses Leben hinter sich lassen würde.
Bald schon war das Land nur noch ein schmaler Streifen, der mit dem Grau des Himmels und des Wassers verschmolz. Dann gab es nur noch Wasser. Vor ihr, hinter ihr, neben ihr. Die anderen Fahrgäste begaben sich wieder nach unten in ihre Kabinen. Hier war es kalt und gab es nichts mehr zu sehen. Dennoch blieb sie. Der Zeitpunkt, an dem sie das Deck verließe, wäre der Zeitpunkt, an dem sie endgültig Abschied nahm. Auch wenn sie lange und voller Vorfreude auf diesen Moment gewartet hatte, war sie noch nicht bereit dafür.
Nachlässig band sie ihre Haare im Nacken zusammen und zog ihr Handy aus der Jackentasche. Zwei Nachrichten zweier Freundinnen ließen sie lächeln. Sie würde die Beiden vermissen. Ganz sicher. Genau wie ihn. Sie seufzte tief und schloss die Augen. Er würde es niemals erfahren, oder?
Wahrscheinlich war es besser so.
Als sie die Augen wieder öffnete, lächelte sie. Sie musste nach vorne sehen. Auf die aufregende Zeit, die jetzt vor ihr lag. Jahrelang hatte sie davon geträumt und jetzt war es so weit. Neue Erfahrungen, Orte und Menschen lagen vor ihr. Da war kein Platz für Trauer um die Vergangenheit. Schon gar nicht für Trauer um nicht Geschehenes und nicht genutzte Chancen.
Entschlossen löste sie die verkrampften Finger von der Reling und wandte sich um. Ein letzter Blick auf das Wasser, dann stieg sie die schmale Treppe hinab.

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