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Das Eismädchen - Prolog

Der Winter war früh gekommen dem Jahr. Nach nur wenigen goldenen Herbsttagen war die Kälte ins Land gezogen und hatte es mit Eis und Schnee unter seine Gewalt gebracht. Niemand hatte ihn kommen sehen und so war auch niemand vorbereitet gewesen. Jeder einzelne hatte ohne Gegenwehr kapituliert.
Züge standen auf offener Strecke, ihre Weiterfahrt behindert durch unbezwingbare Schneewehen. Schiffe waren auf dem Meer gefangen, eingeschlossen aus einer blinden Weite aus Eis. Menschen starben auf den Straßen, während sie verzweifelt versuchten einander zu wärmen.
In einer Nacht eben jenes Winters öffnete sich die Tür eines grauen, heruntergekommenen Hauses. Einen Moment lang fiel ein schmaler Lichtstreifen auf die Straße und dröhnende Basstöne durchbrachen die Stille. Dann fiel die Tür zu und es war wieder dunkel und leise. Das Mädchen, das herausgetreten war, schlug den Kragen ihres abgetragenen Mantels hoch und wickelte ihren Schal fest um Hals und Kopf. Im Licht der flackernden Straßenlaternen sah sie sich nach rechts und links um, ehe sie sich schließlich nach links wandte und die von Hochhäusern gesäumte Gasse hinab ging. Ein eisiger Wind pfiff um die Ecken und zerrte Strähnen ihres blonden Haares unter dem Schal hervor. Sie zog die Schultern hoch und senkte den Kopf, um der Kälte weniger Angriffsfläche zu bieten. So sah sie auch nicht die hochgewachsene Gestalt, die ihr nach der nächsten Straßenecke folgte wie ein Schatten.
Die Gestalt war dem Mädchen nur wenige Meter gefolgt, als sie es, gleich einem Raubtier, angriff und an die nächste Häuserwand drückte.
Sie riss die Augen auf und versuchte instinktiv dem Griff ihres Gegenübers zu entkommen. Doch er war groß und stark und sie war nur ein kleines Mädchen. Sie roch den Geruch von Zigaretten und Parfüm, vermischt mit der Ausstrahlung unangezweifelter Überlegenheit. Sie wollte schreien, doch er hielt ihr den Mund zu. Mit ihren kleinen weißen Händen umschloss sie seine Handgelenke, verschte ihn von sich wegzuschieben. Doch es war, als würde sie gegen einen Riesen aus Stein kämpfen.
Bis sein Griff plötzlich lockerer wurde. Sie spürte, wie seine Haut kalt wie Eis wurde. Er keuchte, dann fiel er zu Boden. Erschrocken sprang sie einen Schritt zur Seite. Seine Augen waren starr und weit aufgerissen, die Lippen blau, als habe er zu lange in der Kälte gelegen.
Sie sah nach rechts und links, dann hinunter auf die regungslose Gestalt im Schnee. Die Knöpfe seiner Uniform schimmerten im schwachen Mondlicht.
Was hatte sie getan?!

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